Sonntag, 29.12.2013

Zwischenbericht

So und das ist mein Zwischenbericht. Ich denke er ist mir relativ gut gelungen, auch wenn ich mit dem Anfang nicht ganz zufrieden bin (Ich wollte eigentlich mit dem teil über Essen anfangen aber dann klingt das zu verfressen. Und "Family first - always!") Ich hoffe es klingt alles nicht zu gestelzt, der aufbau ist ein bisschen Messy. Bitte kommentiert, wenn euch Fehler auffallen! Ich hatte seit Monaten kein deutschunterricht mehr, okay? Meine kommasetzung/RS/Ausdruck ist nicht mehr die Beste und bei der Grammatik bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher. Viel Spaß beim Lesen! :)

 

Mein erster Eindruck von China war, dass es gar nicht so anders von Deutschland ist. Die Kinder gehen zur Schule, die Erwachsenen arbeiten, in der Freizeit wird Fernsehen geschaut oder im Park rumgehangen. Erst nach und nach fallen mir die vielen Unterschiede auf.

Ich wohne nun schon seit fünf Monaten in der Südchinesischen Stadt Nanchang, Hauptstadt der Jiangxi Provinz. Mit meiner Gastfamilie kam ich von Anfang an super gut klar. Meine Gastschwester Jiang Minwan ist ein Jahr jünger als ich, und im Gegensatz zu den meisten chinesischen Schülern überhaupt nicht schüchtern. Mit ihr teile ich mir ein kleines Zimmer und denselben Musikgeschmack. Meine Gasteltern sorgen sich um mich wie ihr eigenes Kind und geben mir viel Freiraum. Weil beide kein Wort Englisch können, redeten wir zuerst sehr wenig miteinander, aber trotzdem merkte ich sofort, wie freundlich sie sind und wie viel Glück ich mit meiner Gastfamilie hatte. Außerdem lebt mit uns Jiang Minwans Großmutter, eine Haushälterin und ein kleiner Hund namens Dang Dang. Mein 25-jähriger Gastbruder wohnt mit seiner Verlobten ein paar Straßen weiter und kommt öfters zum Abendbrot vorbei. Er arbeitet in der gleichen Firma wie meine Gasteltern. Meine Gastmutter kommt aus Anhui, mein Gastvater aus der Fujian-Provinz, was für mich den Vorteil hat, dass zu Hause Hochchinesische gesprochen wir und nicht der lokale Nanchangdialekt.

Mit meiner Gastschwester besuche ich die 11. Klasse der Highschool attached to Nanchang University. Außer mir ist noch eine Austauchschülerin aus den USA, Andrea, an der Schule, allerdings eine Klassenstufe höher. Zusammen haben wir täglich Chinesischunterricht mit einer jungen, manchmal etwas chaotischen, aber klugen Lehrerin. Ein normaler Schultag beginnt für mich um 6.15 Uhr, wenn mein Wecker klingelt und ich mich aus dem Bett quäle um zu frühstücken. Alle Schüler müssen um 7.10 Uhr in der Schule sein, obwohl die erste Unterrichtsstunde erst um 8 Uhr anfängt. Die Extrazeit wird dann zum Wiederholen der Englischvokabeln oder Physikformel genutzt, manchmal mit, manchmal ohne anwesenden Lehrer. Da meine Gastschwester sich am Ende der neunten Klasse für Naturwissenschaften an Stelle von Geisteswissenschaften entschied, haben wir hauptsächlich nur Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Selbst wenn ich den Lehrern folgen könnte, gäbe es keine Möglichkeit, in irgendeiner Weise „mitzuarbeiten“. Chinesischer Unterricht besteht hauptsächlich aus Power-Point-Präsentationen der Lehrer, die Schüler hören zu und schreiben mit. Um 12:10 ist die fünfte Stunde vorbei und die zweistündige Mittagspause beginnt. Unsere Wohnung ist nicht weit entfernt von der Schule, weshalb wir immer nach Hause fahren um zu essen. Die Pause ist deshalb so lang, weil Chinesen gerne ein kleines Mittagschläfchen halten. Ich habe mir das bis jetzt noch nicht angewöhnt, und werde es wahrscheinlich auch nicht in den nächsten fünf Monaten tun. Um 14 Uhr beginnt dann der zweite Teil des Schultages. Als Austauschschüler müssen wir nachmittags nicht mehr zum „normalen“ Unterricht gehen, sondern nur noch zu unserem Chinesisch- oder Kalligraphieunterricht. Zweimal die Woche nehmen wir auch am Tanzunterricht der Mittelschule teil. Andrea und ich fühle uns dort ein bisschen wie große, tapsige Elefanten, da alle Schüler mehrere Jahre jünger als wir sind und um Einiges gelenkiger. Allerdings sind wir froh, dass man uns so bereitwillig kommen lässt und geben unser Bestes. Abends und am Wochenende bin ich glücklicherweise von der Schule befreit und habe Zeit, die Stadt zu erkunden und mein gesprochenes Chinesisch zu verbessern.

Nanchang ist eine 5-Millionen-Einwohner-Stadt im Herzen Südchinas. 5 Millionen mag einem als Europäer vielleicht riesig vorkommen, doch Nanchanger halten ihre Stadt für eine Kleinstadt. Dies ist etwas Schade, weil ich so auf die Frage: „Was sind denn hier so die Sehenswürdigkeiten und wo kann ich Souvenirs kaufen?“ nur einen verwirrten Blick und die Antwort: „Wir haben keine Touristen“ von meiner Gastschwester bekam. Nanchang hat Sehenswürdigkeiten – nur wissen das die meisten Einwohner nicht. Hier gibt es zum Beispiel den höchsten Springbrunnen (mit Musik) Asiens und das zweitgrößte Riesenrad der Welt. Für mich ist es schwer, Berlin mit Nanchang zu vergleichen. Ich fühle mich, als wäre ich in einer völlig anderen Welt und meine Maßstäbe habe ich zu Hause gelassen. Ich kann noch nicht mal sagen, ob die Gebäude hier höher sind. Einerseits kommt mir Berlin größer vor, weil es internationaler und multikultureller ist, eine Weltstadt eben. Andererseits ist Berlin furchtbar leer. Hier in Nanchang sind immer Menschen draußen, vor allem abends. Es gibt unzählige Restaurants und Straßenstände. Was ich hier besonders genieße, ist dass die Läden abends und das ganze Wochenende geöffnet sind. Was Berlin und Nanchang gemeinsam haben sind Baustellen. Hier ist gerade ein komplettes U-Bahnnetz im Bau, das in zwei Jahren fertig gestellt sein soll. Bis jetzt gibt es hier nur Busse, die durch die vielen Baustellen in der Innenstadt dazu noch ständig im Stau stehen. Wenn ich Nanchang in ein paar Jahren vielleicht wiederbesuche, wird sich alles schon wieder verändert haben. So ist das in China.

Jugendliche in meinem Alter haben leider sehr wenig Freizeit. Montags bis Freitags kommt meine Schwester halb zehn nach Hause, nur um dann noch mindestens zwei Stunden Hausaufgaben zu machen. Samstags hat sie „nur“ bis 18 Uhr Schule, muss aber dafür als Ausgleich am Sonntagabend in die Schule. Die Schüler verbringen die meiste Zeit damit, für die Abschlussprüfung zu lernen, die entscheidet, auf welche Universität sie zugelassen werden. Die komplette 12. Klasse ist eine Wiederholung der letzten zwei Schuljahre. Das mag sich jetzt alles sehr grau anhören, aber es gibt auch viele Dinge, die ich hier an der Schule genieße. Die Schüler sind viel fleißiger und beschweren sich nicht ständig. Sie sind leise im Unterricht und respektieren den Lehrer, aber sobald die Stunde vorbei ist, haben sie genauso Spaß wie deutsche Schüler. Es gibt Klassenclowns und „Insider-Witze“. Das Schönste ist, dass mir hier noch nie Mobbing aufgefallen ist. Vor allem die Offenheit gegenüber Outfits gefällt mir total. An meiner Schule werden keine Uniformen getragen. Die Kleidungsstile in meiner Klasse reichen von „moderner, Londoner Hipster“ bis Klamotten, die in Deutschland nur von Kindergartenkindern getragen werden, aber keiner interessiert sich dafür, was andere Leute anziehen. Allgemein haben Chinesen mehr Humor, was Bekleidung angeht. Sie tragen häufig lustige Sachen, wie Katzenohrenmützen, und mehr Farben. In Deutschland tragen so viele Menschen Schwarz und Grau, besonders fällt das bei Regenschirmen auf. Außerdem ist es in Nanchang völlig normal, auf der Straße zu singen.

Die größten Probleme hier habe ich wahrscheinlich mit der Sprache. Bevor ich nach China kam, hatte ich nur geringe Vorkenntnisse. Allerdings verbesserte sich mein Chinesisch schnell, schließlich habe ich täglich Unterricht und versuchte teilweise 80 neue Vokabeln an einem Tag in meinem Gehirn einzuspeichern. Mein Leseverstehen schätze ich relativ gut ein, für jemanden, der erst seit ein paar Monaten die Sprache lernt. Bloß das Sprechen macht mir Schwierigkeiten. Erstens brauchte ich eine Weile, meinen Akzent so zu verkleinern, dass ich verstanden werden kann, und immer noch gucken mich Chinesen oft nur ratlos an, wenn ich versuche, ihnen etwas mitzuteilen. Zweitens ist es nicht so einfach, Leute zu finden, die sich die Mühe geben, mit mir in Chinesisch zu kommunizieren. Zwar sind alle sehr neugierig, aber wenn ich schon nach dem zweiten Satz hoffnungslos verloren bin, geben sie auch schnell auf. Außerdem werden Ausländer gerne als Möglichkeit gesehen, sein Englisch zu verbessern.

China ist kein traditionelles Weihnachtsland. Umso schöner kam mir das Fest vor, weil ich so niedrige Erwartungen hatte. Anfang Dezember besorgte mir meine Gastmutter einen kleinen Weihnachtsbaum aus Plastik mit Gehänge und Lichterkette. Meine Familie schickte mir ein großes Paket mit Lebkuchen aus Deutschland, das ich jeden Adventsonntag mit meiner Gastfamilie teilte. Zu Heiligabend hatte ich ein paar kleine Geschenke für meine Freunde vorbereitet, allerdings ohne zu erwarten, irgendetwas im Gegenzug zurück zu bekommen. Ich wurde überrascht: Meine Mitschüler schenkten mir Pakete mit leckerem Essen, Äpfeln und einer niedlichen Teekanne. Von meinen Gasteltern bekam ich ein Kissen zum Händewärmen und ein noch größeres Paket mit Essen und Schokolade. In China gelten Äpfel als das ultimative Weihnachtsgeschenk, weil sich die Wörter für Heiligabend und Apfel sehr ähneln und weil Äpfel ein Symbol der Liebe sind. Auch wenn ich bei Sonnenschein und Schulunterricht nicht wirklich in Weihnachtsstimmung kam, waren es doch wunderbare Tage voller Überraschungen, sodass ich gar kein Heimweh bekommen konnte.

Ein besonderes Highlight meiner Zeit hier war die AFS-organisierte Reise nach Yunnan. Yunnan gilt als schönste Provinz Chinas und ich wette, jeder hat schon mal ein Bild von den Bergen dort gesehen. Was mir besonders dabei gefallen hat, war dass man mit den anderen Austauschschülern über seine Erfahrungen reden konnte und sozusagen sein Auslandsjahr „vergleichen“ konnte. Das hat mir eine gute Perspektive gegeben, was ich noch verändern will und wie ich die Zeit noch besser nutzen kann. Erstens möchte ich mehr essen. Das mag etwas verfressen klingen, aber wer weiß, wann ich das nächste Mal China besuche, und bis dahin kann sich so vieles verändert haben. Zweitens sollte ich mir mehr chinesische Freunde suchen, weil ich dadurch nicht nur meine Sprachfähigkeiten verbessere, sondern auch mein Verständnis der Kultur.

In den letzten vier Monaten habe ich gelernt, neugierige Blicke zu ignorieren – oder einfach zurück zu lächeln. Schließlich ist es nicht Schuld der Chinesen, dass es so wenige Ausländer hier gibt. Ich bin selbstbewusster geworden und habe einen neuen „europäischen“ Stolz entdeckt. Auch hatte ich keine großen Schwierigkeiten oder ein emotionales Tief. Meine Gastfamilie ist so unterstützend, dass ich bei keinem Problem Panik kriegen muss. Ich genieße meine Zeit in China total und bin sehr glücklich hier, ich werde nur traurig bei dem Gedanken, in ein paar Monaten schon wieder gehen zu müssen. An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst bei der Stiftung Mercator bedanken, die meinen Traum mit ihrem großzügigen Stipendium unterstützen. Ich habe es keine Sekunde lang bereut, China als Wunschland anzukreuzen. Ich habe es als mein perfektes „Austauschland“ entdeckt. Die vielen netten Menschen, die Sonne, das Essen machen es zu einem Ort, in dem ich mich einfach wohlfühle. Es ist schon jetzt wie ein zweites Zuhause für mich.